Sonntag, 25. August 2013

Sacktierchen (Sacculata)

Abb. 1: Entwicklung der Floater
Die Sacktierchen (Sacculata) gehören zu den einfachsten mehrzelligen Lebewesen. Verglichen mit den Schnecklingen bestehen sie nur aus einer Saccula und haben daher wie die Nesseltiere und Rippenquallen der Erde nur eine Körperöffnung. Im Gegensatz zu diesen besitzen sie allerdings drei Gewebeschichten. Die einfachsten Sacculata waren wahrscheinlich kriechende, Bakterien weidende Tiere mit einem einfachen Verdauungsraum (Abb. 1 a,b). Einige wenige mikroskopische Arten dieser Tiere leben noch heute in für andere Lebewesen unzugänglichen oder lebensfeindlichen Räumen wie zwischen Sandkörnern oder in giftigen Tümpeln. Die größte heute lebende Gruppe der Sacculaten sind aber die Floater ("Schweber", benannt nach den hypothetischen schwebenden Lebensformen in der Jupiteratmosphäre in Carl Sagan's "Cosmos", Abb. 1 c bis e). Bei ihnen handelt es sich um freischwimmende, quallenähnliche Formen, die ihr Velum als Antrieb nutzen. Um ihren Verdauungsraum (1) herum sitzen häufig mehrere Drüsen und vor der verschließbaren Mundöffnung (3) liegen die Geschlechtsorgane (4). Das Interderm bildet bei vielen Formen ein schwammartiges Gewebe, in das Gasblasen eingelagert sein können, die den Tieren Auftrieb verleihen (5). Das Velum (6) kann die Tiere mit schlagenden Bewegungen vorantreiben, während sein um die Mundöffnung liegender Teil, die Margo zu einen Schlauch oder Tentakelkranz ausgebildet ist, mit dem Nahrung gefangen wird (7).
Abb.2: Floaterstachel in Ruhe und stichbereit
Als relativ langsame Tiere mit einfachem Verhalten verlassen sich die meisten Floater für Angriff und Verteidigung auf Gift. Um dieses in ein Beutetier oder einen Angreifer zu bringen besitzen viele Arten einen einzigartigen Mechanismus. Vor allem in den Tentakeln sitzen spezialisierte Drüsenzellen (Abb. 2: 1), die eine Giftdrüse (2) mit einer kanülenähnlichen Struktur besitzen. Diese liegt in der Ruhe an die Tentakeloberfläche an und ist durch einen Vorsprung auf ihrer Innenseite (3) gegen die Umgebung verschlossen, so dass sich der Floater weder selbst verletzt, noch Gift verliert. Registireren die Chemosensoren des Floaters die Berührung eines Beutetieres, richtet eine kontraktile Faser (4) die Kanüle auf und öffnet dadurch gleichzeitig die Giftdrüse zur Außenwelt. Wird nun das Reservoir zusammengedrückt, wenn sich z.B. die Tentakel um ein Beutetier wickeln, dann wird das hochwirksame Gift injiziert und die gelämhmte oder getötete Beute kann zur Mundöffnung gezogen werden.
Abb. 3: zwei elegante Floater (Pendator elegans)
Ein Floater, der auf diese Weise jagt, ist der elegante Floater (Pensator elegans). Diese Tiere sind stromlinienförmig und besitzen keine Gasblasen und können daher für einen Floater relativ schnell schwimmen, wodurch sie größere Wasservolumina nach Beute absuchen können. Kleinere Beutetiere werden dabei durch den Wasserstrom, der beim Schwimmen um den Körper des Floaters entsteht direkt zu den Tentakeln gespült. In Abbildung 3 sind zwei Tiere dargestellt, von denen das vordere an den sich abzeichnenden Geschlechtsdrüsen als ausgewachsenes Exemplar erkennbar ist.
Abb.4: Ein Netzträger
Manche Floater sind allerdings für eine viel friedlichere und passivere Lebensweise angepasst. Der friedfertige Netzträger (Retiarius placidus) ist ein Beispiel hierfür. Sein großer, ballonförmiger Körper besteht überwiegend aus Gasblasen, so dass das Tier mühelos im Wasser schweben kann. Seine Nahrung fängt er mit einem abgewandelten Mundrüssel, der auf einer Seite zu einer langen, klebrigen Schleppe verlängert ist. Kleinstlebewesen, die sich hier verfangen, werden durch bewegliche Borsten langsam zur Mundöffnung transportiert und dann aufgenommen. Netzträger können beachtliche Größen erreichen mit einem Durchmesser von fast einem Meter und einer mehrere Meter langen Schleppe. Fressfeinde haben sie kaum, da ihr überwiegend aus Wasser und Gas bestehender Körper zu wenig Nährwert besitzt, um einen Kontakt mit den auf dem Körper sitzenden Stacheln zu riskieren. Ein paar Räuber stehlen allerdings Beute aus dem Netz, wobei dieses auch gelegentlich zerreissen kann, was dem naetzträger aber wenig schadet, da das Netz sowieso vom Margo aus ständig erneuert wird und nicht mehr funktionsfähige Teile an seinem Ende abgestoßen werden.
Abb.5: Sugator spec.
Eine Gruppe von Floatern hat sich als Räuber sogar auf die größeren und scheibar so weit überlegenen Schnecklinge als Beute spezialisiert. Es sind die wenige Zentimeter großen Floater aus der Familie der Sugatoridae, die im Wasser schwebend auf den Kontakt mit einem größeren Lebewesen warten. Gelingt ihnen dieser, heften sie sich dann wie ein Saugnapf an einer weichen Stelle an und vergraben ihre klauenartigen Tentakeln in die Haut ihres Opfers. Mit Hilfe starker Verdauungsenzyme lösen sie einen Gewebefetzen heraus oder zapfen den Blutkreislauf ihres Opfers an. Je nach Gattung oder Art lassen sich die Tiere nach ihrer Mahlzeit fallen oder bleiben länger an ihrem Opfer hängen. Die Floater der Gattung Sugator sind dabei sogar in der Lage sich regelrecht in ihre Beute hineinzufressen, was nicht selten tödlich endet. Allerdings sind nur etwa die Hälfte der Arten dieser Gattung tatsächlich Räuber, während die anderen sich auf Aas spezialisiert haben, welches sie gezielt anschwimmen, um sich dann darin zu versenken.





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