In den gemäßigten und tropischen Meeren von Colchis lauert ein fast unischtbarer Tod auf unvorsichtige Schwimmer. Der große Raubschweber (Vivorete horribile) ist im Ruhezustand ein fast durchsichtiges, flächiges Wesen, das schwerelos im Wasser zu hängen scheint. Ein System aus kontrahierbaren Gaskammern (1) erlaubt ihm, seine Position zu halten. Die Kammern werden so geweitet und geschlossen, dass das Wesen kontinuierlich rotiert und sich so als schwebende Falle aufrichtet. Verschließbare Poren (6) erlauben ihm dabei auch, seinen Strömungswiderstand in einem gewissen Maß zu regulieren.
Kleine Exemplare ernähren sich vorwiegend von Plankton, das an ihnen hängen bleibt und durch Kontraktionen der Oberfläche zu den zahlreichen, sich nach beiden Seiten öffnenden Sacculi (4) befördert wird, wo es verdaut wird. Der Körper des Raubschwebers besteht nämlich aus einem großen Velum mit vielen einzelnen Sacculi, so dass es sich im Vergleich mit anderen Floatern eigentlich um eine Kolonie zusammenhängender Individuen handelt. Tatsächlich wächst ein Raubschweber durch Wachstum seines Velums, in dem dabei neue Gasblasen, Poren, Dornen (3) und letztendlich Sacculi gebildet werden. Die verschiedenen Elemente sind durch kontrahierende, muskelähnliche (2) und durch leitfähige Fasern verbunden (5), wobei letztere der Kommunikation und Wahrnehmung dienen und so eine Art Nervensystem darstellen. Während kleine Raubschweber dadurch recht einfach gebaute Tiere sind, werden sie mit zunehmender Größe immer komplexere Wesen, da die länger werdenden Verbindungen auch kompliziertere Bewegungsmuster zulassen. Tatsächlich zeigen größere Raubschweber ein deutlich komplexeres Verhalten als kleinere Individuen und insbesondere zeigen sie eine aufwändigere Ernährungsweise.![]() |
| Ein Colchisfisch ist einem Raubschweber zum Opfer gefallen |
Ab einer gewissen Größe sind Raubschweber nämlich in der Lage, deutlich größere Beute zu machen. Trifft ein schwimmendes Tier auf einen großen Schweber, dann zieht sich das Velum blitzartig zusammen. Ist die Beute klein genug, dann schließt der Schweber sie wie eine tödliche Frischhaltefolie ein, wobei die Dornen sich einhaken und die Kontraktilen Fasern die Beute fest einschnüren. Sind alle Poren geschlossen, entleeren sich die der Beute zugewandten Sacculi und die Tasche aus in den Raubschweber eingwickelter Beute wird zu einem einzigen großen Verdauungsraum. Das eingeschlossene Tier erstickt meist bewegungsunfähig eingeschnürt, während der Schweber zu Boden sinkt. Schon beim Verdauen der Beute, was bei größeren Tieren mehrere Tage dauern kann, beginnt der Raubschweber zu wachsen und trennt bei ausreichendem Wachstum an seinem Rand kleinere Schweber ab. Am Schluss entfaltet sich das Tier wieder, öffnet seine Gasblasen und lässt sich zurück an die Oberfläche treiben, bereit für das nächste Opfer.
Kann ein Raubschweber seine Beute nicht einschließen, dann schlägt er sein Velum zu anderen Seite um und lässt sich zu einem Ball zusammengerollt absinken. Setzt sein Gegner jetzt nach und lässt sich weder durch die Dornen noch durch die bitteren Verdauungssekrete abwehren, dann scheinen Raubschweber sogar in der Lage zu sein, aktiv in kleinere Stücke zu zerfallen, so dass bei einem Angriff selten das ganze Individuum gefressen wird.
Viele Fragen zu den großen Raubschwebern bleiben ungeklärt, nicht zuletzt, da es bisher nicht gelungen ist, sie längere Zeit in Gefangenschaft zu beobachten. Raubschweber in verschiedenen Regionen zeigen oft auffällig unterschiedliches Verhalten, was die Schwebehöhe und -bewegungen, die erreichte Größe vor einer Teilung und die Aggressivität beim Kontakt mit möglicher Beute angeht. Vielleicht handelt es sich tatsächlich um eine Gruppe nahe verwandter Arten oder aber es gibt eine Art von Raubschwebern, die sich an ihre Umwelt und die dort vorkommenden Beutetiere und Feinde hervorragend anpassen kann. Wie sie das tun und ob ihr Nervensystem zu einem Gedächtnis fähig ist oder ein solches über Hormone oder Epigenetik ermöglicht wird, ist zur Zeit leider noch völlig offen.

