![]() |
| Der Rote Sechsarm (Hexobranchio rufus) |
![]() |
| Ein Roter Sechsarm hat einen Urschneckling erbeutet |
Die Sechsarmigen (Hexabrachia) sind eine der
abgeleitetsten und skurilsten Gruppen der Kiemenschnecklinge. Der oberste
Abschnitt ihrer Kieme ist zu einer großen Gasblase ausgebildet, die unter der
hoch gewölbten dünnen Schale liegt und den Tieren erlaubt, im Wasser zu
schweben. Sie bewegen sich vorwärts, indem sie mit ihrem Schwanz schlagen oder
sich mit ihren sechs langen Velartentakeln über den Boden vorantasten. Ihr
Bodenkontakt ist dabei für ein relativ großes Tier so leicht, dass die meisten
Beutetiere sie erst bemerken, wenn der Sechsarmige sich durch Zusammenziehen
seiner Gasblase herabsinken lässt und sein Opfer mit dem kräftigen, mit
Giftdrüsen besetzten Schnabel knackt.
Sechsarmige sind langsame Tiere mit dünner Schale, aber
deren auffällige Färbung weist darauf hin, dass sie nicht wehrlos sind.
Tatsächlich weisen Sechsarmige eine der ungewöhnlichsten
Verteidigungsstrategien aller Schnecklinge auf. Ihre seitlichen Flossen dienen
nicht der Fortbewegung, sondern bilden den Boden einer Brutkammer, in der je
nach Arft bis zu sechszehn Jungtiere sitzen, die vom Elterntier über ein Sekret
mit Nahrung und Gift versorgt werden. Im Gegensatz zum adulten Tier sind die
Larven stromlinienförmig und gute, schnelle, wenn auch wenig ausdauernde
Schwimmer. Fühlt sich das Elterntier von einem größeren Räuber bedroht, öffnet
es seine Seitenflossen und die Jungtiere greifen den Räuber wie ein wütender
Bienenschwarm an. Die meisten größeren Räuber sind nicht wendig genug, um die
Larven zu fangen, die wiederum vor kleinen wendigen Räubern bei ihrem
Elterntier sicher sind.
![]() |
| Larve des Roten Sechsarms |
Anders als bei den meisten Schnecklingen sind die
Fortpflanzungsschwärmer der Sechsarmigen äußerst langlebig und bleiben nach der
Paarung in der Gonade des befruchtetn Tiers, so dass dieses bei Bedarf
regelmäßig neue Jungtiere nachbilden kann. Tatsächlich steuert das Elterntier
die Entwicklung seiner Jungtiere hormonell. Ist es häufiger Stress ausgesetzt,
verzögert es die Entwicklung, so dass ihm mehr Larven zur Verteidigung zur
Verfügung stehen. Lebt das Elterntier in ruhiger Umgebung, dann reifen die
Larven schnell und werden früher unabhängig. Auf diese weise optimiert das
Elterntier seinen Gesamtfortpflanzungserfolg.
![]() |
| Roter Sechsarm von unten mit geöffneter Bruttasche. Die beiden jüngsten, noch nicht schwimmfähigen Larven sitzen ganz vorne, die beiden ältesten mit bereits abgerundeter Schale mittig. |
Ein Tier nutz allerdings gerade diesen
Verteidigungsmechanismus der Sechsarmigen aus und dieses Tier ist selbt ein
Hexabranchier. Lactoraptor mimicris ahmt die Larven anderer Sechsarmiger
nach und nistet sich in deren Brutkammern als Parasit ein, der sich von dem
Nährsekret ernährt. Umgekehrt injiziert er über seine Giftdrüse Stresshormone
in sein Wirtstier, so dass dieses wiederum die Zahl seiner Larven hoch hält und
Lactoraptor im Endeffekt Nahrung und ein gut verteidigtes Heim bietet.



